Tagesarchiv: Oktober 4, 2010

Express-Messen und schlechte Musik

Gestern, am 27. Sonntag im Jahreskreis, hatte ich eigentlich vor, zur Abwechslung mal die Messe im außerordentlichen Ritus zu besuchen. Der außerordentliche Ritus fasziniert mich, aber so richtig zu Hause fühle ich mich da noch nicht. Wie auch, wenn ich erst 3 oder 4 Messen im außerordentlichen Ritus besucht hab. Diese Messe ist hier ziemlich früh (früh für studentische Verhältnisse), und irgendwie hab ich es dann nicht rechtzeitig aus dem Bett geschafft. Die benachbarte Gemeinde, die sowieso zu liturgischen Extravaganzen neigt, hatte gestern ihre Familienmesse, da bringen mich keine zehn Pferde hin, es sei denn, es gibt sonst gar keine Messe; also blieb noch das Abendprogramm. Ich hab dann noch, nach Tagen zu Hause wegen Krankheit, nen schönen Spaziergang am Seeufer gemacht, mich ins Gras gesetzt und da gebetet, hab mein Rad abgeholt, was weiter stadteinwärts stand, bin zu Starbucks und hab ein Stück Apfelkuchen gegessen und nen Kaffee getrunken und ein wahnsinnig dickes Buch über das 19. Jahrhundert angefangen . Dann bin ich in aller Ruhe zur Kirche, so, daß ich nicht erst auf den letzten Drücker eintreffe.  Ich glaube, diese ganze Tagesplanung ist wesentlich mitverantwortlich für das folgende Disaster. Ich war noch irgendwie eingestellt auf den  außerordentlichen Ritus, auf Ruhe, auf Sonntag, und dann empfand ich die Messe als wahnsinnig gehetzt.

Die Messe war in einer Innenstadtgemeinde, wo man im wesentlichen die Messe so feiert, wie sie gefeiert werden soll (wobei sich mir nicht ganz erschließt, wieso man unbedingt zwei Leute außer dem Priester braucht, um die Kommunion auszuteilen, und ich meine, die sollten eigentlich erst dann an den Altar, wenn der Priester kommuniziert hat).

Aber: wieso kann man nicht mal wenigstens 10 Sekunden Ruhe zulassen, bevor es weitergeht? Man ist die ganze Zeit hektisch am Blättern, kaum ist der letzte Ton eines Liedes verklungen, er hallt noch nach, gehts vorne schon wieder weiter, kaum ist die Lesung vorbei, wird wieder geblättert. Es kann doch nicht so schwer sein, das ganze ein bißchen, nein, nicht nur entspannter, sondern dadurch auch würdiger zu gestalten. Das ist in der Messe gar nicht extremer gewesen als in den meisten anderen Messen im ordentlichen Ritus auch (im außerordentlichen muss der Priester glaube ich manchmal in einem ziemlichen Tempo durch die Gebete hetzen, aber wenigstens betrifft mich das nicht, und von mir aus könnten sich die Priester ruhig mehr Zeit lassen), es ist mir nur gestern viel stärker als sonst aufgefallen. Man kommt gar nicht dazu, wenigstens mal kurz zu beten. Über etwas nachzudenken. Zur Ruhe zu kommen. Es ist die ganze Zeit Aktion und Geräusch.

Nichtmal wenn man gerade etwas singt, weil (und das war gestern dann doch extrem) fast alle zu singenden Stücke irgendwelche modernen Kompositionen aus dem Gotteslob waren (wobei ich festgestellt hab, daß man offenbar auch schon in den 40er und 50er Jahren grausige Kirchenmusik produziert hat), die musikalisch Versierte womöglich korrekt singen können, die aber definitiv nicht dem in West-,Mittel- und Osteuropa üblichen musikalischen Empfinden entsprechen. Das heißt, die meisten Leute kommen mit der merkwürdigen Rhythmik nicht klar und auch mit der Melodieführung nicht. Ich auch nicht, und dabei war ich auf einer musikbetonten Schule. Ich kann zwar nicht singen, aber normalerweise hab ich ein ganz gutes Gespür dafür, wie eine Melodie weitergehen könnte und wie eher nicht. Das hilft einem bei barocken Kirchenliedern, bei Kirchenliedern aus dem 19. Jahrhundert, bei schlesischen Marienliedern; das hilft einem bei amerikanischer Marschmusik, bei den meisten Songs aus dem Bereich Chartsgedudel und erstaunlich oft sogar bei eher experimenteller Musik. Aber nicht bei ziemlich vielen Liedern aus dem Gotteslob. Keine Chance. Wenn ich mir so anhöre, wie das klingt, wenn ein fähiger Vorsänger das vorsingt, muss ich sagen, es klingt schon unschön, wenn es korrekt gesungen wird. Von einer Gemeinde, die das Zeug dann singen soll, gibts dann nicht mal was nur gemässigt unschönes zu hören, sondern etwas furchtbares. Musikalische Folter. Eine Kakophonie. Man ist die ganze Zeit beschäftigt, herauszufinden, wie das jetzt rhythmisch und melodisch gedacht ist, und kommt bis zum bitteren Ende nicht darauf.

Ich bin ja nun erst seit ein paar Jahren katholisch. Keine Ahnung, seit wann sowas im Gotteslob steht. Aber ich finde es schon auffällig, daß ich bisher KEINE Gemeinde erlebt hab, die mit diesem 40er,50er, 60er und 70er Jahre- Kram gut zurecht kommt (gut, bei den 70er Jahre Sachen gibt es Lieder, die gesanglich durchaus ok sind, aber vom Text her so flach…lassen wir das).  Und trotzdem gibt es ganze Messen, die nur mit diesen Liedern bestritten werden. Wo selbst das Kyrie, das Gloria, das Agnus Dei äußerst schräg klingen, weil niemand das singen kann- und es auch einfach schräg komponiert ist. Selbst unbekanntere, ältere Lieder funktionieren aber. Die klingen selbst dann noch gut, wenn ein paar Herren oder Damen hinter einem eine Punktierung grundsätzlich ignorieren.

Kann es denn so schwer sein, einfach Lieder auszusuchen, die 1. gut singbar sind, 2. gut klingen, 3. wenigstens etwas textlichen Tiefgang haben und 4. auf übermässig expressives Orgelspiel zu verzichten (es wäre manchmal schon viel gewonnen, wenn der Organist das Lied, um die Singenden zu unterstützen, einfach begleiten würde, ohne Schnickschnack)? Wäre es wirklich so dramatisch, mal auszumisten, von den neueren Sachen die zu behalten, die sich bewährt haben (gibts ja durchaus! ) ?

Wäre es wirklich so schlimm, wenn die Messe ein paar Minuten länger dauert, weil man zwischendurch auch mal Luft holen darf, mal, wenigstens für ein paar Sekunden, Ruhe hat, beten kann?

Wäre es ein Weltuntergang, wenn nicht 3 oder 4 Leute die Kommunion austeilen, nur damit es schneller geht, sondern das vielleicht einfach der Priester macht? Das hat dann nämlich den Vorteil, daß man nach der Kommunion auch wirklich Zeit hat, zu beten. Es hat schon vorher den Vorteil, daß man nicht zur Kommunion RENNT. Man weiß dann, daß es ein bißchen dauert. Im Moment sieht es öfter so aus, als würde es da gratis Wurstsemmeln geben, und man holt sich noch schnell eine, bevor man raussprintet, weil man sonst den Bus verpasst. Ich finde dieses Gehetze unwürdig. Wir begegnen da dem Herrn.  Da sollten ein paar Momente der Stille doch drin sein.

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