Turiner Grabtuch 2010- eine spontane Reise. Mit Wunder.

Seit ein paar Wochen bin ich regelmässig bei der „Weggemeinschaft“, die sich unter der Leitung eines Domkapitulars regelmässig trifft- alle zwei Wochen zur hl. Messe, ansonsten gibt es verschiedene Kreise, Bibelgespräche, Glaubenskurs und Essen mit Bedürftigen. Als ich das zweite Mal dort bei der Messe war, wurde der Domkapitular, der sonst die Messe zelebriert, von einem recht jungen Priester vertreten, der Bischofskaplan ist (ich glaube, so heißt das…aber ganz sicher bin ich mir nicht)- und der erkennbar völlig begeistert von seinem Aufenthalt in Turin war und mehrfach vorschlug, es könnten ja vielleicht noch einige von uns kurzfristig dorthin fahren, schließlich kann man das Grabtuch nur recht selten sehen. Er würde auch sein Auto zu Verfügung stellen. Nach der Messe sitzt man noch zusammen und isst und trinkt etwas, und ein kleines Grüppchen an meinem Tisch überlegte dann, ob man denn realistisch nach Turin fahren könne. Benzinkosten, Maut, die Unterkunftsfrage…es wurde überschlagen und errechnet, daß wir rein für die Fahrtkosten über 300 Euro bräuchten, eher 400 (es gibt ja immer irgendwelche unvorhergesehenen Dinge, welche die Kosten in die Höhe treiben). Auch wenn man das teilt, hat man das Geld als Student nicht unbedingt spontan übrig. Das Projekt wurde mehr oder weniger aufgegeben, aber St. meinte noch, wir sollten es mal in Hinterkopf behalten, mal schauen, ob sich nicht noch eine Möglichkeit ergibt.

Tja, und dann passierte ein mittleres Wunder. Ein paar Tage darauf war ich mit P. Kaffee trinken, und während wir da gemütlich unseren Kuchen verspeisten, erzählte er, sie würden übrigens wirklich nach Turin fahren. Hat mich sehr gefreut, ich war an dem Planungsgespräch eher passiv beteiligt und bin nicht davon ausgegangen, ich könne überhaupt mitfahren. Ich hab dann allerdings erzählt bekommen, wie denn diese Fahrt überhaupt möglich wurde. St. hatte einen Anruf einer Bekannten, einer älteren Dame, bekommen, die ihn bat, doch am nächsten Tag vorbeizukommen, sie hätte was für ihn. Daß es um Geld ging war dann schon klar, aber daß er am nächsten Tag 500 Euro in der Hand hielt…Das war genau die Summe, die eine kleine studentische Gruppe braucht, wenn sie mit dem Auto nach Turin will und eine Nacht bei Schwestern übernachten kann. Es schaute ganz so aus, als wollte der Herr uns diese Reise ermöglichen.

Montag, während wir im Rahmen der Weggemeinschaft am Kochen und Gemüse schnippeln waren, fragte St. dann, ob ich denn nicht auch mitfahren wolle, ich wäre schließlich bei dem Gespräch am Anfang dabei gewesen, und nach Turin, zum Grabtuch…klar habe ich ja gesagt. Am nächsten Tag um sieben wollten wir dann alle zur Messe in den Dom, dann im Uni-Bistro frühstücken, und dann auf Richtung Italien. War eine kurze Nacht, aber es lief alles wie geplant. Auch die Fahrt verlief reibungslos, die Stimmung war gut- und auch das Schweigen, das eintrat, als die Landschaft in der Schweiz immer spektakulärer wurde, tat dem keinen Abbruch- im Gegenteil. Noch schöner als die Schweizer Alpen fand ich persönlich dann allerdings das Aostatal und die Fahrt auf Turin zu. Den etwas eigenwilligen Fahrstil vieler Italiener hat unser Fahrer dann auch gut weggesteckt, und dank Navi haben wir auch das kleine Franziskanerinnenkloster problemlos gefunden.

Die Schwestern hatten zwar mit vier Jungs statt mit drei Jungs und zwei Mädels gerechnet, war aber kein Problem, wir hatten dann ein wunderbares Sechsbettzimmer, wurden rührend betreut (von uns konnte keiner wirklich italienisch, aber die Verständigung hat auch mit unseren paar Brocken, Gesten und nem herzlichen Lächeln gut funktioniert. Und, was macht man, wenn man schonmal in Italien ist und noch kein Abendbrot hatte? Richtig, Pizza essen gehen. Und Büffelmozzarella und Schinken als Vorspeise, nen schönen Wein dazu, und Zitronensorbet als Nachtisch. Wieso heißt es eigentlich „Leben wie Gott in Frankreich“? Mit Italien würde der Spruch genauso gut funktionieren.

Wieder eine kurze Nacht- unsere Anmeldung fürs Grabtuch war für 7:45, und wenn man noch mit dem Bus in die Stadt muss, eine Stunde früher da sein soll und so weiter…muß man halt früh raus. Es gab dann ein kleines italienisches Frühstück (ich glaub, es geht dabei nur darum, möglichst starken Kaffee zu sich zu nehmen, die Kekse dazu dienen vermutlich nur dazu, daß man von dem starken Kaffee nicht plötzlich kollabiert…) und dann gings raus in den schon seit Tagen strömenden Regen. In der Stadt brachte dann eine in Turin lebende Dame aus Sibirien uns direkt bis zum richtigen Eingang- sehr nett, war für sie ein Umweg, und kein kleiner.

Dann hieß es anstehen, allerdings nicht sehr lange (tagsüber sieht das anders aus). Bevor man in die Kirche kommt und das Tuch sieht, wird ein kurzer Film gezeigt, dann gehts weiter, und – dann steht man plötzlich in der Kirche, sieht das Grabtuch schon und wenn die Gruppe vor einem geht, steht man viel dichter davor, als ich gedacht hätte. Ungefähr 4 Minuten. Was ich da gedacht und gefühlt habe, kann ich noch gar nicht wirklich formulieren. Es betet sich jedenfalls sehr gut da, vor dem Grabtuch, und es ist eine der beeindruckendsten Glaubenserfahrungen meines Lebens. Gut, ob das Grabtuch nun wirklich das Grabtuch Jesu war wird man wohl bis auf weiteres nicht eindeutig beweisen können (ich finde, es spricht vieles dafür)- aber es fühlte sich schon irre an, vor einer Art Foto des Herrn zu stehen. Es täte meinem Glauben keinen Abbruch, würde nachgewiesen, daß das Grabtuch nicht echt sein kann- aber bis auf weiteres stärkt dieser Moment, wo ich davor stand, meinen Glauben. Es stärkt und erschüttert einen gleichermaßen- mich zumindest.
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Es fühlt sich dann merkwürdig an, plötzlich wieder draußen zu stehen, in all dem Trubel. Man hat dann noch Souvenirs gekauft, nen Cappuccino getrunken, wir sind im weiterhin strömenden Regen ein bißchen durch die Stadt- ein paar Leute sagten, ich solle nicht enttäuscht sein, Turin wäre eine eher häßliche Industriestadt. Wenn Turin eine häßliche Industriestadt ist, weiß ich nicht, wie ich reagiere, wenn ich in eine wirklich schöne italienische Stadt komme. Mir hats gefallen.

Wir hatten noch den Tipp bekommen, in einem Vorort Turins in eine Ausstellung zu gehen, „Gesù. Il corpo, il volto nell’arte“. Sehr empfehlenswert, der Eintritt ist nicht ganz günstig, aber es lohnt sich. Ich war jedenfalls hin und weg, als ich plötzlich unvermittelt vor meinem Lieblingsbild von Fra Angelico stand. Gut konzipiert, und die Kommentare zu den Bildern wurden offenbar von Leuten mit Ahnung verfasst. Wer kann- auf jeden Fall hingehen!
Eigentlich hatten wir noch überlegt, zum Grab des hl Don Bosco zu fahren, aber das wäre ein ziemlicher Umweg geworden. Da es, wenig überraschend, immer noch wie aus Eimern goß, und es in diesem Vorort auf den ersten Blick nichts einladendes gab, beschlossen wir, unsere letzte italienische Mahlzeit vielleicht in einem der Alpendörfer einzunehmen. Außerdem hatten die Schwestern uns mit üppigem Proviant ausgestattet. Vor der Abfahrt aus dem Kloster hatten wir auch alle noch für wieder trockene Socken und trockenes Schuhwerk gesorgt (sonst wäre der Ausstellungsbesuch wenig erfreulich gewesen), und das wollten wir nicht durch eine Restaurantsuche zu Fuß bei Regen aufs Spiel setzen.

Also gings los Richtung Heimat. Es goß, von dem Bergen strömte das Wasser, der Schönheit der Landschaft tat das Wetter keinen Abbruch. Tja, und dann, als es schon kurvige Straßen bergauf ging und wir den St Bernhard-Tunnel in der Nähe vermuteten fing es plötzlich an zu schneien. Also wurde der Plan, noch was zu essen verworfen, wir wollten schließlich noch über die Alpen. Dann kamen uns die ersten Autos mit 20cm Schnee auf dem Dach entgegen. Es wurde ziemlich ruhig im Auto, wer nicht mit fahren beschäftigt war betete, der Schnee blieb liegen, die Straße wurde immer glatter, und dann gings nicht mehr weiter. A. konnte das Auto noch an die Seite steuern, auf eine kleine Auffahrt, dann schauten wir erstmal anderen Autos und LkWs beim Rutschen zu. P. sollte dann uns beiden Frauen runter ins Hotel bringen- den Plan mussten wir aufgeben. Auf einer glatten Bergstraße bergab zu gehen, während aus beiden Richtungen Autos und LkWs kommen, die leicht mal unkontrolliert ein Stück rutschen ist keine gute Idee.

Da standen wir nun, im Auto fühlen wir uns nur bedingt sicher, draußen war es unter Null Grad und es schneite, wir waren alle nicht dafür angezogen. Mit P. zog ich dann los, um eventuell das Pfarrhaus ausfindig zu machen- das Dorf hat eine sehr schöne Kirche, aber Erkundigungen ergaben, daß der Priester nicht vor Ort wohnt. Immerhin sollte an dem Abend noch Messe sein und ein Priester, der in den Alpen lebt, hat im Gegensatz zu uns vermutlich Winterreifen und Schneeketten. Wir rutschten wieder zum Auto. Bis dahin hatten Räumfahrzeuge die Situation nicht unbedingt verbessert, aber jetzt war langsam genug Salz auf der Straße und der Schnee ging in Regen über, so daß das Auto zwar noch freigeschaufelt werden musste, aber immerhin konnten wir nach ungefähr zwei Stunden weiterfahren. St. meinte noch, es wäre toll, jetzt alle verfügbaren Rosenkränze auszupacken (und zu nutzen), was ich dann auch tat, und wir kamen dann auch gut durch.

Und weil wir alle etwas fertig waren, total durchnässt und verfroren, hab ich dann beschlossen, daß man in solchen Situationen durchaus ein Würstchen essen darf, oder zwei, beim Rosenkranzbeten.

Irgendwann im Schwarzwald waren wir dann auch wieder warm und trocken, und nach einem Aufenthalt im Gasthaus „Zum goldenen M“ schliefen P., M. und ich auf der Rückbank. Kurz vor Münster wachten wir dann wieder auf.

Es war ziemlich anstrengend, innerhalb von zwei Tagen nach Turin und wieder zurück zu fahren (schon für uns Beifahrer)- aber ich glaube, jeder von uns würde das sofort nochmal machen. Es ist auf jeden Fall eine sehr intensive Erfahrung, vor dem Grabtuch zu beten (in der Nähe wurde übrigens auch eine Anbetungskapelle und Beichtgelegenheiten eingerichtet), allein dafür lohnt sich die Mühe. Außerdem hab ich mich in Italien verliebt, P. hat einen sehr passenden Spitznamen verpasst bekommen, und außerdem ist es für mich immer eine ganz wichtige Erfahrung, mit ungefähr gleichaltrigen (obwohl ich die zweitälteste war) Leuten zu tun zu haben, die einen nicht für gestört halten, wenn man nen Rosenkranz dabei hat (oder womöglich betet), die es für selbstverständlich halten, wenigstens kurz zur eucharistischen Anbetung zu gehen, wenn man die Möglichkeit hat, und mit denen man über seinen Glaubensweg reden kann, ohne in irgendwelche komischen Schubladen gesteckt zu werden. Und das Wort „Weggemeinschaft“ hat da nochmal mehr konkreten Inhalt bekommen.

In den nächsten Wochen werden wir wohl oft davon erzählen müssen (oder dürfen), die Schwestern haben uns noch Mitbringsel für „Don Andrea“ und den Bischof mitgegeben, und uns wird das Grabtuch wohl auch noch eine Weile begleiten- das ist nichts, was man mal so eben abhaken kann. Mir fällt es wohl noch eine Weile schwer, die richtigen Worte zu finden. In solchen Momenten kann man ein solches Erlebnis vielleicht wirklich nur „im Herzen bewegen.“

Eine Antwort zu “Turiner Grabtuch 2010- eine spontane Reise. Mit Wunder.

  1. Danke für den Bericht. Ich muß auch noch mal zum Grabtuch fahren. Ich bin aber schon 74 Jahre alt. Verschiedene, naturwissenschaftlich – für uns – nicht erklärbare Untersuchungsergebnisse haben meinen Glauben bestärkt, meine ich.

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